Autoren:  Mo, Johanna, Paul, Nicolas

Online-Dating Apps sind für viele Menschen weltweit Teil des Alltags geworden, was hinsichtlich veränderter Lebensformen, zunehmender Digitalisierung und immer weniger Zeitressourcen nicht überrascht. Online-Dating kann als Prozess der Kontaktaufnahme verstanden werden, bei dem eine Person die Eignung unbekannter potenzieller Partner*innen abwägt (vgl. Aretz et al. 2017:8). Das Vermittlungsverfahren der „passenden“ Kandidaten*innen basiert meist auf speziellen Computerprogrammen und Algorithmen. Das Auswahlverfahren der User*innen wiederum basiert meist auf oberflächlichen Merkmalen, wie Profilbilder und -beschreibung. Ca. 8,8 Millionen Menschen in Deutschland sind auf Online-Dating-Börsen aktiv, Tendenz steigend (vgl. Statistika 2020). Was macht das Online-Dating so attraktiv? Welchen Einfluss hat die digitale Partnersuche auf den öffentlichen Raum bzw. die offline-Welt?

Die theoretische Grundlage dieser Arbeit stellt Richard Sennetts Werk „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – Die Tyrannei der Intimität“ dar. In der filmischen Bearbeitung der Thematik versuchen wir die reale bzw. öffentliche Begegnung mit dem digitalen Kennenlernen gegenüberzustellen. Hierbei werden Sennetts Thesen auf den Prüfstand gestellt. Unser Film besitzt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Nichtdestotrotz möchten wir herausgearbeitete Differenzen veranschaulichen. 

Richard Sennett stellt die These auf, dass die Öffentlichkeit zerfalle, da die Menschen ihre Umwelt – hierunter sind Objekte wie auch Personen zu verstehen – immer mehr in psychologischen Kategorien wahrnehmen und beurteilen. Dabei definiert er Öffentlichkeit als die Beziehungen und das Geflecht von „Verpflichtungen zwischen Leuten, die nicht durch Familienbande oder andere persönliche Beziehungen wechselseitig miteinander verknüpft sind“ (vgl. Sennett 2008:22). Es gibt unterschiedlichste Motive für User*innen sich für die Online-Partnersuche zu entscheiden. Einer dieser Vorteile stellt die Distanz dar, die zu einer gewissen Unverbindlichkeit führt. Die Verpflichtungen und die wechselseitige Interaktion, welche laut Sennett wesentliche Bestandteile der Öffentlichkeit darstellen, existieren in der Digitalen-Welt in dieser Form nicht. 

In der filmischen Umsetzung eröffnen sich dem Zuschauer zwei parallele und voneinander unabhängige Szenenstrukturen, die sich jedoch in ihrem Inhalt aufeinander beziehen und jeweils den klassisch-öffentlichen Liebesmarkt und den neuen digitalen Markt der Applikationen wiederspiegeln. Die Gegenüberstellung soll dem Publikum, sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte der jeweiligen Sphären verdeutlichen. Ziel ist es ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Digitalisierung einen maßgeblichen und nachhaltigen Einfluss auf den öffentlichen Raum hat.

Wie bereits angeführt, lebt die Öffentlichkeit von wechselseitiger Interaktion. Sennett ist der Meinung, dass die Grundlage öffentlicher Kultur aktiver Ausdruck ist, welcher menschliche Bemühungen erfordert (vgl. Sennett 2008:458). Die Anstrengungen in einem Gespräch im öffentlichen Raum und der Ausdruck von Interesse und Sympathie in einer Vis a Vis Interaktion unterscheiden sich in Umfang wie Umsetzung stark zum digitalen Swipen in der U-Bahn oder abends auf der Couch. Einerseits ermöglichen die Smartphone-Applikationen eine Kontaktaufnahme völlig losgelöst von Ort und Zeit, andererseits bietet der öffentliche Raum den Zugang zu schier endlosen Möglichkeiten an Interaktion, welche dem Liebesspiel einen komplett anderen Takt verleiht. Interaktion versteht sich als aufeinander bezogenes Handeln zweier oder mehrerer Personen, wobei die sprachliche Kommunikation die wichtigste Form menschlicher Interaktion darstellt. Im realen Leben lassen sich zudem aus Mimik und Gestik der anderen Person Persönlichkeitsmerkmale ablesen. Die Ausstrahlung und das Auftreten spielen hier eine entscheidende Rolle, ob sich eine Person wohl und verstanden fühlt. Demnach bietet der öffentliche Raum unterschiedlichste Möglichkeiten sich gegenseitig Informationen zu übermitteln sowohl verbal als auch nonverbal, wohingegen digitale Kommunikation größtenteils auf die Form der Textnachrichten und der eigenen Selbstdarstellung im Profil beschränkt ist. 

Das Hauptmedium des virtuellen Raums ist die textuelle bzw. visuelle Kommunikation. Prozesse der Selbstbeschreibung schaffen eine virtuelle Identität, wobei der Nutzer*in sich bewusst und strategisch ein Selbstbild kreieren kann, welches bestimmte Stärken hervorhebt, um Erfolgschancen zu steigern. Die eigene Selbstbekundung wie nicht zuletzt Öffnung unterliegt einer völlig anderen Überprüfbarkeit bzw. Verifizierung. Sennett prophezeit der Kommunikationstechnologie des 20. Jahrhunderts eine „schrankenlose Ausdrucksoffenheit“ (Sennett 2008:458) und spricht hier auch von der „Schreckenswelt der Massenmedien“ (ebd.). Der digitale Raum schafft eine Erreichbarkeit und Verfügbarkeit, die eine Aktion und Reaktion innerhalb einer sozialen Interaktion völlig zeitlich versetzt ermöglicht. Der User*in kann die virtuelle Kommunikation in einem ungeahnten Ausmaß kontrollieren und inszenieren, wobei die physische Distanz die Hemmschwelle des „Ansprechen“ quasi abschafft. Darüber hinaus ermöglichen Dating-Plattform eine übersteigerte Selbstdarstellung oder vielmehr Vermarktung, die im öffentlichen Raum zumindest nicht mit derselben Intensität praktiziert wird. 

Die Selbstpräsentation nimmt eine Schlüsselrolle ein, da sie fast ausschließlich als Bewertungskriterium fungiert. Der Erfolg oder Misserfolg hängt von einem möglichst attraktiven Profil ab, sprich Bilder und Beschreibung des Selbst. Richard Sennett ist der Meinung, dass „jedem einzelnen [ist] das eigene Selbst zur Hauptbürde geworden“ (Sennett 2008:23) ist. Damit meint er, dass die Menschen so in sich selbst vertiefst sind, dass es immer schwerer fällt dem Gegenüber ein klares Bild davon zu machen, woraus unsere Persönlichkeit besteht (vgl. ebd.). Dieses Verhalten bzw. Unsicherheiten lassen sich auch in den teils detaillierten Online-Portfolios entdecken, denn eine Vielzahl von Usern neigt dazu ihre virtuellen Identitäten zu Modifizieren. Dadurch entsteht nicht selten eine nicht unerhebliche Diskrepanz zwischen dem realen und dem idealen Selbst, was spätestens bei einem ersten Aufeinandertreffen ein Problem darstellen könnte. Außerdem stellt sich diesbezüglich auch die Frage nach der Authentizität einer Person. Authentizität, als Dimension sozialer Beziehungen, gibt Aufschluss über Kontinuität und Stabilität einer Interaktion. Eine Dimension sozialer Beziehungen, die im digitalen Miteinander zur volatilen Größe wird. Sennett ist der Ansicht, „soziale Beziehungen jeder Art sind um so realer, glaubhafter und authentischer, je näher sie den inneren psychischen Bedürfnissen der einzelnen kommen“ (Sennett 2008:453). So befinden sich User*innen bei der Kreation ihrer Dating-Profile in dem Spannungsfeld zwischen Authentizität und Vermarktungserfolg. Einbußen in Form von ausbleibenden „Matches“ können das Selbstwertgefühl negativ beeinflussen und die Nutzer dahingehen verführen ihr Profil aufzuwerten. Je nach Resonanz lassen sich virtuelle Identitäten ganz flexibel, mit nur einem „Klick“ anpassen. Die Willkür in der Selbstdarstellung lässt sich auch auf das Auswahlverfahren übertragen, wodurch der warenförmige Charakter der Applikation deutlich wird. Der warenförmige Charakter von Dating Apps wird insbesondere in den Profilen der User sichtbar. Das Profil kann keine Persönlichkeit darstellen. Man konzentriert sich auf die wesentlichen Eckziffern, um sich auf dem Markt der App zu behaupten und als attraktiv zu gelten. Natürlich bestehen diese Tendenzen auch im öffentlichen Raum, aber sie werden im digitalen Raum verstärkt. Die Charakteristika des Einzelnen werden zu einer Art Produkthinweis. Welche Sportart jemand spielt oder Musik man hört, kann vielleicht noch im Profil kommuniziert werden, aber biografische Hintergründe oder das Auftreten, also der Charakter als solches bleibt auf der Strecke. 

Gleichzeitig werden spezifische Merkmale eines Jeden oder einer Jeden auch im öffentlichen Raum erst Stück für Stück offenbart und das Gewand der öffentlichen Welt wird abgelegt. Ferner gewinnt der User auch an Erfahrung und kann sich in den neuen Bahnen der digitalen Sphäre mit der Zeit besser bewegen und erkennt Fallstricke schneller und übersteigerte Darstellung als unauthentisch. 


Literaturverzeichnis

Aretz, Wera et al., 2017. Date me if you can: Ein systematischer Überblick über den aktuellen Forschungsstand von Online-Dating. Zeitschrift für Sexualforschung, 30(1), pp.7–34.

 

Statistika Research Department, 2020. Statistiken zum Online-Dating.
Letzter Zugriff: 03.08.20. https://de.statista.com/themen/885/online-dating/

 

Sennett, Richard (2008): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag.